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Einleitung
Die Jugendhilfeeinrichtung ‚Evangelische Jugendhilfe’ des
Diakoniewerks des Kirchenkreises Hamburg-Ost betreut in ihren
stationären Einrichtungsteilen, also in Wohngruppen und
familienanalogen Wohngruppen, derzeit 73 Jungen und Mädchen im Alter
von drei bis 18 Jahren, in Ausnahmefällen auch länger. Diese Betreuten
leben in 13 Einrichtungsteilen. Jeder Betreute hat einen festen
Pädagogen des Teams als Bezugspädagogen. Dieser Bezugspädagoge ist für
die Koordination zuständig sowie für die Begleitung zu externen
Terminen. Außerdem führt er regelmäßig Gespräche mit den Eltern.
Viele in der „Evangelischen Jugendhilfe“ stationär betreute Mädchen
und Jungen sind psychisch stark belastet (vgl. Klöber et al., 2008,
Jaritz et al, 2008). Nach der anerkannten Traumaklassifikation handelt
es sich hierbei um Typ-II Traumatisierungen, das heißt um eine Reihe
von miteinander verknüpften Traumata wie Vernachlässigung,
Kindesmisshandlung und sexuellen Missbrauch, oft durch nahe stehende
Personen verursacht. Diese Traumatisierungen werden auch sequentielle
Traumatisierungen genannt.
In ihrer Folge entstehen häufig erhebliche Störungen in der gesamten
Persönlichkeitsentwicklung, die dann in stationären Jugendhilfe zu
beobachten sind wie beispielsweise:
- Störungen der Emotionsregulation, der Impulskontrolle und der Stresstoleranz
- Hochrisikoverhalten der Betreuten
- Störungen
der Ärgerkontrolle, der Bindungsfähigkeit, der Dissoziationsneigung,
der Sinne und der sensorischen Wahrnehmungsfähigkeit
- Störungen der Empathie- und Mentalisierungsfähigkeit, des Selbstbilds und der Lebenseinstellung
- verzerrte kognitive Schemata (Überzeugungen)
- Störungen der sozialen Informationsverarbeitung und der sozialen Kompetenz
- Störungen des Körperselbst und der Körperwahrnehmung
- Störungen der kognitiven Leistungsfähigkeit und exekutiven kognitiven Funktionen.
Im Zusammenhang mit Vermeidungsverhalten, Flashbacks, Albträumen
(Intrusionen) und Panikattacken (Hyperarousal) treten auch
Schlafstörungen auf (vgl. Schmid, 2008, S. 288ff).
Der Zusammenhang zwischen traumatischen Erfahrungen, dem
Posttraumatischen Belastungssyndrom F43.1, der chronifizierten Form der
‚andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastungen’ F62.0
(vgl. ICD-10) und Schlafstörungen ist durch verschiedene Autoren belegt
(vgl. Behring et al, 2007, S85ff, vgl. Wodrek, 2005 S. 475; Romer,
2008; Huber, 2008).
Die Schlafstörungen werden in vier Gruppen unterteilt:
- Ein- und Durchschlafstörungen
- vermehrte Tagesschläfrigkeit
- unerwünschte
Aktivierung des motorischen und/oder vegetativen Nervensystems im
Schlaf: Schlafwandeln, Albträume, Sprechen im Schlaf, Zähne knirschen
und dissoziative Phänomene mit nächtlichen Handlungssequenzen
- Störungen des zirkadischen Rhythmus in Form von verzögerten oder vor verlagerten Schlafphasen (vgl. Behring et al, 2007, S. 84).
In den kinder- und jugendpsychiatrischen Leitlinien werden
nichtorganische Schlafstörungen, F51, definiert als: „Primär psychogene
Zustandsbilder mit einer Störung von Dauer, Qualität oder Zeitpunkt des
Schlafes, die deutlichen Leidensdruck verursacht oder sich störend auf
die soziale und schulisch-berufliche Leistungsfähigkeit auswirkt“
(kinder- und jugendpsychiatrische Leitlinien, 2008).
Neben den negativen Einflüssen von Schlafstörungen auf das
betroffene Kind, beziehungsweise den Jugendlichen selbst wirken sich
Schlafstörungen auch erheblich belastend auf die Mitbewohner und
Mitbewohnerinnen der Wohngruppen aus. Betreute mit Schlafstörungen
stören abends und nachts andere, beispielsweise durch Herumlaufen in
der Wohngruppe, durch Besuche anderer in deren Zimmer, durch Musik
hören und/oder telefonieren.
In der stationären Jugendhilfe besteht also ein entschiedener
Handlungsbedarf zur Verbesserung des Schlafverhaltens und zu einer
angemessenen pädagogischen Hilfe bezogen auf die traumatischen
Erfahrungen.
2. Befragung zum Schlafverhalten
Aus den kinder- und jugendpsychiatrischen Leitlinien zu
nicht-organischen Schlafstörungen und den entsprechenden Fragen aus der
Symptomcheckliste SCL-90-R (vgl. Franke, 1995) wurde von der
Einrichtungspsychologin der „Evangelischen Jugendhilfe“ ein
Kurzfragebogen zur internen Befragung der stationär betreuten Jungen
und Mädchen entwickelt. Mit den stationär Betreuten wurden die
folgenden acht Fragen in einem halbstandardisierten Interview
bearbeitet:
Hast Du Schwierigkeiten, einzuschlafen?
Erwachst Du zu früh am Morgen?
Ist dein Schlaf unruhig und gestört?
Wie viele Stunden schläfst Du in der Regel täglich?
Bist Du tagsüber manchmal müde und schläfrig?
Hast Du Alpträume?
Was fällt Dir zu deinem Schlafverhalten noch ein?
Was hilft Dir beim Einschlafen?
Die genutzten Selbsthilfestrategien zum Einschlafen stellen wichtige
eigene positive Ressourcen dar, auf denen später aufgebaut werden kann.
Es wurden insgesamt 61 stationär Betreute in der zweiten
Jahreshälfte 2008 befragt. Davon waren neun Kinder im Alter von sieben
bis zwölf Jahren und 52 Jugendliche von 13 bis 18 Jahren.
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Alles o.k.
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Probleme
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Einschlafprobleme
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52,5 %
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47,5 %
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Frühes Erwachen am Morgen
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59,0 %
|
41,0 %
|
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Unruhiger gestörter Schlaf
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44,3 %
|
55,7 %
|
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Tagesmüdigkeit
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25,0 %
|
75,0 %
|
|
Albträume
|
63,9 %
|
36,1 %
|
Abbildung 1 Ergebnisse der Befragung N= 61
(Anmerkung: Mehrfachnennungen, bei der Tagesmüdigkeit hat ein Klient keine Angaben gemacht)
Die Ergebnisse der Befragung der 61
Kindern und Jugendlichen zur ihrem Schlafverhalten zeigen, dass von 61
Befragten 29, (47,5 Prozent) Schwierigkeiten mit dem Einschlafen haben.
Bei manchen dauert der Einschlafprozess bis zu mehrere Stunden. 25
Befragte, (knapp 41 Prozent) erwachen zu früh am Morgen. Bei 34 der
jungen Menschen (55,7 Prozent) ist der Schlaf unruhig und gestört.
Manche wachen bis zu drei Mal pro Nacht auf. 22 Befragte (36,1 Prozent)
haben nachts Alpträume.
Eine Folge des gestörten
Schlafverhaltens ist, dass sich 75 Prozent der 61 Befragten tagsüber
manchmal müde und schläfrig fühlen. Dieses deutet auf gestörte
biologische Rhythmen hin, welche sich auf die kognitiven Funktionen wie
Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Motivation auswirken können (vgl.
Behring et al, 2007, S. 86).
Die bei vielen Befragten genannte
Müdigkeit tagsüber wurde mit den Schlafmengen der 52 befragten
Jugendlichen in Zusammenhang gebracht.
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Stunden
|
Werktags
|
Sonntag
|
|
4,5-5
|
9,9 %
|
3,3 %
|
|
5,5-6
|
26,6 %
|
9,9 %
|
|
6,5-7
|
19,9 %
|
6,6 %
|
|
7,5-8
|
19,9 %
|
9,9 %
|
|
8,5-9
|
19,9 %
|
16,6 %
|
|
9,5-13,5
|
3,3 % (10Std)
|
53,3 %
|
Abbildung 2 Schlafdauer der Mädchen N= 30
|
Stunden
|
Werktags
|
Sonntag
|
|
4,0-5
|
9,1 %
|
0 %
|
|
5,5-6
|
0 %
|
0 %
|
|
6,5-7
|
31,8 %
|
4,5 %
|
|
7,5-8
|
31,8 %
|
18,2 %
|
|
8,5-9
|
31,8 %
|
4,5 %
|
|
9,5-13,5
|
9,1 %(10/10,5Std)
|
72,7 %
|
Abbildung 3 Schlafdauer der Jungen N= 22
Es ist festzustellen, dass von diesen
52 Jugendlichen 15 Mädchen und drei Jungen werktags nur vier bis
sechseinhalb Stunden schlafen.
Bei den 30 Mädchen liegt der
Durchschnitt bei knapp sieben Stunden werktags mit einer Streuung von
viereinhalb bis zehn Stunden. Am Wochenende schlafen diese Mädchen im
Durchschnitt knapp neuneinhalb Stunden, mit einer Streuung von fünf bis
13,5 Stunden.
Bei den 22 Jungen liegt der
Durchschnitt werktags bei siebeneinhalb Stunden, mit einer Streuung von
vier bis zehn Stunden. Die Jungen schlafen am Wochenende
durchschnittlich neun Stunden, mit einer Streuung von sieben bis 13
Stunden.
Die empfohlene Schlafdauer
beträgt für bis Zwölfjährige zehneinhalb bis elf Stunden, für zwölf-
bis 13-Jährige zehn Stunden und für 14-16-Jährige neun Stunden (vgl.
Weymann, 2008).
Hieraus ist abzuleiten, dass den
befragten jugendlichen Mädchen und Jungen werktags erheblicher Schlaf
fehlt. Sie sind dadurch auch bei ihren werktäglichen
Leistungsanforderungen beeinträchtigt.
Dieser Mangel an Schlaf ist jedoch
nicht nur auf traumatische Beeinträchtigungen zurückzuführen.
Sicherlich hängt der Schlafmangel auch mit dem Zusammenleben in der
Gruppe und allgemeinen Gewohnheiten der sozialen Clique zusammen.
3. Genutzte Selbsthilfestrategien
Bei den befragten Kindern bis zwölf
Jahren sind das Vorlesen und Lesen gern genutzte Möglichkeiten, um vor
dem Schlafen zur Ruhe zu kommen. Auch Musik oder Hörspiele hören sie
gerne. Ein kleines Licht im Zimmer oder die Tür einen Spalt geöffnet zu
haben hilft ihnen, in der Einschlafphase ihr Zimmer sehen zu können.
Dadurch wird die für sie notwendige Kontrolle ermöglicht. Einige mögen
auch Entspannungsübungen gern.
Bei den Älteren ist das Hören von Musik
und Hörspielen oft genutzte Einschlafbegleitung. Manche nutzen auch
Gespräche mit Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern sowie Telefonate zum
Entspannen, und um den Tag Revue passieren zu lassen.
Für schwerer traumatisierte Betreute
ist es häufig wichtig ein Schlaflicht im Zimmer zu ermöglichen, welches
die gesamte Nacht leuchtet. Wenn sie in der Nacht aufwachen,
erleichtert ihnen dieses Licht die Orientierung und gibt ihnen
Sicherheit. Manche von ihnen unterstützen wir auch, indem eine
Lichtschaltung installiert wird, die automatisch angeht, wenn jemand
das Zimmer betritt. Hierdurch können die Betreuten den eintretenden
Menschen sehen. Sie haben dadurch die Sicherheit, die Kontrolle ausüben
zu können.
Individuelle Bedürfnisse der Jugendlichen bezogen auf die Zimmertemperatur und Belüftung regeln sie selbständig.
Die von den Befragten genannten
Selbsthilfestrategien stellen eine wichtige Ressource dar. Sie werden
in den Wohngruppen genutzt, um die ‚Ins-Bett-geh-Phase’ durch
gemeinsame stärkende Rituale der Gesamtgruppe zu fördern und
behindernde Einflüsse zu reduzieren.
4. Durchgeführte pädagogische Hilfen für die Kinder und Jugendlichen
Die pädagogischen Hilfen ergeben sich
aus dem Grundgedanken der Gesundheitsfürsorge. Hierbei geht es
insbesondere um den Bereich des Empowerment. Auch andere
gesundheitsförderliche Bereiche wie der Ausbau der positiven
Ressourcen, die Hilfe zur Selbsthilfe und die Entwicklung des eigenen
Lebenssinns stellen eine wichtige Grundlage dar (vgl. Schönbach, 1995).
In der Pädagogik spielt die gezielte
Psychoedukation erst seit kürzerer Zeit eine bedeutsame Rolle.
Pädagoginnen und Therapeutinnen haben im Rahmen der Auseinandersetzung
mit den Auswirkungen von sexueller Kindesmisshandlung entdeckt, dass
traumatisierte Mädchen und Jungen im Alltag dazu neigen, ihre
traumatischen Erfahrungen zu reinszenieren. Dieses musste unbedingt
positiv verändert werden. Hierzu wurde der psychiatrische Ansatz von
Psychoeduaktion (vgl. Bäuml et al. 2003) entsprechend erweitert und
angepasst. Inzwischen finden in unserer stationären Jugendhilfe
Gespräche zwischen Betreuten und pädagogischen Fachkräften statt, in
welchen gemeinsam erarbeitet wird, wie sich das Mädchen oder der Junge
selbst besser vor erneuten Verletzungen schützen kann.
Die psychologische Psychoeduaktion der
Einrichtungspsychologin geht über diesen Rahmen noch hinaus: Zusätzlich
wird die Wahrnehmungsfähigkeit für sich selbst und Interaktionsprozesse
gestärkt. Die Möglichkeiten der Selbstkontrolle und Fertigkeiten des
Selbstschutzes werden verbessert. Die Zusammenhänge zwischen eigenen
biografischen Erfahrungen, aktuellen Wahrnehmungen und Verhalten werden
ermöglicht, so dass die Betreuten die Möglichkeit zur bewussten
Entscheidung bekommen. Es wird ein gemeinsames Verstehensmodell
entwickelt (vgl. Hensel, 2007 S. 49f). Das Ziel ist, die
Selbstwirksamkeit der Mädchen und Jungen zu verdeutlichen und zu
stärken. Die Betreuten werden darin unterstützt, positive Kognitionen
über sich selbst zu entwickeln und zu nutzen. Auf der Grundlage der
eigenen positiven Ressourcen sollen sie zu einem die eigene
Persönlichkeit stärkenden Verhalten angeregt werden. Sie werden
ermutigt, solche sozialen Interaktionspartner/-innen zu finden, die
ihnen gut tun. Auch die Gestaltung des Tagesablaufes und besonders der
Abendstunden spielt eine große Rolle und wird in den psychoedukativen
Kontakten bearbeitet.
Aus der Literatur ist inzwischen
bekannt, dass die Erarbeitung eines ‚Sicheren Ortes’ (vgl. Uttendörfer,
2008), Flashbackkontrollübungen und Entspannungstechniken (vgl.
Wobrock, 2005, S. 481) eine wirksame Hilfe für das allgemeine Befinden
der traumatisierten Mädchen und Jungen sind. Diese Hilfen wirken sich
auch positiv auf das Schlafverhalten aus. Die gemeinsame Entwicklung
eines guten Einschlafrituals ist wichtig.
Als Konsequenz aus der Befragung zum
Schlafverhalten führt die Einrichtungspsychologin mit besonders
betroffenen Jugendlichen Psychoedukation in enger Kooperation mit den
jeweiligen Bezugspädagogen/-innen durch. In diesen Kontakten bilden die
bereits genutzten Selbsthilfestrategien eine notwendige Grundlage. Ein
wichtiger Bestandteil ist der ‚Sichere Ort’. Hierzu werden die Mädchen
und Jungen dazu angeregt, sich in der Phantasie auszumalen, wie dieser
Ort beschaffen sein muss, damit sie sich sicher und wohl fühlen. Die
meisten wählen einen Ort, den sie auch in Realität aufsuchen können,
wie beispielsweise ihr eigenes Zimmer, ihr Bett oder einen Platz in der
Natur.
Als Flashbackkontrollübungen sind
meistens optische Kontrollphantasiereisen notwendig. Als
Entspannungstechnik wird die progressive Muskelentspannung genutzt.
Hinzu kommen Übungen zur inneren Achtsamkeit (vgl. Huber, 2006) und zur
positiven Kognition (vgl. Hensel, 2007, S. 82f).
Mit den Teams der Wohngruppen werden
die Ergebnisse des Screenings ausgewertet und die Entwicklung von
gruppenspezifischen Hilfen gefördert. Außerdem werden in unserer
Einrichtung präventive Kurse zur Stressreduktion und
musiktherapeutische Einheiten in einzelnen Wohngruppen mit den Kindern
und Jugendlichen durchgeführt.
Diese einzelnen Aspekte müssen als
Ergänzung zum allgemeinen sozialpädagogischen Konzept in der
stationären Jugendhilfe eingebettet werden in das Konzept von
Traumapädagogik.
Hier gilt es insbesondere, die
konkreten Folgen erlebter Traumata im Alltag zu erkennen und
entsprechende pädagogische Hilfen zu geben (vgl. Schmid, 2008).
Insgesamt ist es notwendig, dass im pädagogischen Alltag auf Schutz,
Sicherheit, Halt und Beziehung gebende Faktoren geachtet wird.
5. Ergebnisse eines intern durchgeführten Workshops
Auf Grund der festgestellten
erheblichen Belastungen des Schlafverhaltens der von uns betreuten
Mädchen und Jungen beschloss die Einrichtungsleitung, einen internen
Workshop durchzuführen. Hier sollte unter fachlicher Anleitung das
Thema „Gesundheitsförderliche Rituale und Strukturen im Alltag“
erarbeitet und vertieft werden.
Unter einem Ritual soll das Vorgehen
nach einer festgelegten Ordnung zu einem ausgewählten Anlass verstanden
werden. Ein Ritual hat einen symbolischen Charakter und schafft
emotionale Beteiligung. Rituale dienen dazu, Verhaltensweisen nach
einer persönlichen Ordnung festzulegen. Diese Ordnung schafft
Verhaltensstrategien für Übergänge zwischen den verschiedenen Zuständen
des täglichen Lebens. Sie unterstützen den Übergang zwischen
verschiedenen Abschnitten des einzelnen Tages, des Jahres, dem
Jahreswechsel, den Lebensjahren und –abschnitten und bei der
Bewältigung von Entwicklungsaufgaben. Sie helfen bei der Verarbeitung
von Abschied, Neuanfang, Trauer und Tod (vgl. Ressel, 1998).
Die Halt gebenden Strukturen beziehen
sich auf den Rahmen und das Setting der pädagogischen Betreuung.
Innerhalb des Betreuungssettings sind die internen und externen
Kooperations- und Entscheidungsstrukturen von Bedeutung. Die Rollen und
die Verantwortungsebenen von Pädagogen und Betreuten müssen geklärt
sein.
Durch intensive Kleingruppenarbeit auf
dem internen Workshop wurde deutlich, dass in den Wohngruppen Halt und
Sicherheit gebende Strukturen unter anderem mit folgenden Schwerpunkten
vorhanden sind:
Transparenz:
Mit den Betreuten wird täglich
besprochen, welcher Pädagoge in den Dienst kommt und welche Themen an
diesem Tag anstehen. Die Betreuten werden angeregt, ein Ziel für den
kommenden Tag zu formulieren, welches dem Aufstehen am nächsten Morgen
einen persönlichen Sinn gibt.
Es wird mit den Betreuten einzeln
erarbeitet, was in der kommenden Woche für gemeinsame Aktivitäten
geplant sind. Die Betreuten übernehmen im Wohngruppenalltag Aufgaben
und bekommen für deren Erledigung Belohnungspunkte gutgeschrieben, die
am Monatsende ausgewertet werden. Die Pädagogen und Pädagoginnen achten
darauf, dass ihre pädagogischen Interventionen klar und verständlich
sind. Sie versichern sich bei den Betreuten, dass sie verstanden worden
sind. Wenn ein Betreuter dabei Schwierigkeiten hat, den Anfang zu
finden, wird er vom Pädagogen in der Startphase begleitet.
Für die Betreuten sollen dadurch
Übergänge zwischen der morgendlichen Anwesenheit des Pädagogen/der
Pädagogin in der Wohngruppe, ihren schulischen Aktivitäten, der
Rückkehr in die Wohngruppe, dem restlichen Tagesablauf und dem
Wochenverlauf geschaffen werden. Die Pädagogen und Pädagoginnen nutzen
hierfür verhaltenstherapeutische Grundsätze für den Umgang mit sozial
auffälligen Kindern und Jugendlichen (vgl. Lauth et al, 2006, S. 153ff).
Partizipation:
Die Strukturen der Wohngruppe werden
mit den Betreuten in Haus- und Wohngruppenbesprechungen erarbeitet. Sie
werden in die Entscheidungen über die Gruppenregeln einbezogen. Wege
zur Veränderung werden mit ihnen besprochen (Beschwerdemanagement).
Die Betreuten haben die Möglichkeit, in
diesen gemeinsamen Besprechungen und in Einzelgesprächen aktiv an der
eigenen Entwicklung mitzuwirken und die Gruppenprozesse mit zu
bestimmen.
Die Erfahrung zeigt, dass das Einhalten
von Absprachen und Strukturen umso nachhaltiger gelingt, je direkter
die Betreuten daran beteiligt sind.
Beziehungsfördernde Einzelkontakte:
Die Pädagogen verbringen - angepasst an
die Bedürfnisse der Betreuten - individuelle Zeit mit ihnen, sogenannte
Qualitytime. Darunter wird eine zwischen dem Betreuten und dem
diensthabenden Pädagogen vereinbarte Zeitdauer verstanden, in welcher
eine angenehme gemeinsame Aktivität durchgeführt wird, wie etwa ein
gemeinsamer Spaziergang (vgl. Lauth et al, 2006, S. 65).
In Bezug auf Rituale wurde
festgestellt, dass es noch Handlungsbedarf gibt. Die Betreuten brauchen
gezielte Unterstützung zur Verbesserung ihres Schlafverhaltens.
Eindeutige Strukturen des Tagesablaufes
und Rituale sind für einen Wohngruppenalltag, der Sicherheit und Halt
geben soll, wichtige Bestandteile. Um diesen Entwicklungsprozess in den
Wohngruppen zu unterstützen, benannten die Wohngruppenteams im
Anschluss an den Workshop Bedarfe, um im Alltag zusätzliche hilfreiche
Aktivitäten mit den Betreuten durchführen zu können.
6. Diskussion
Durch die Ergebnisse der internen
Befragung zum Schlafverhalten wird deutlich, dass viele der stationär
betreuten Mädchen und Jungen unter den vier verschiedenen Aspekten von
Schlafstörungen, Einschlaf- und Durchschlafstörungen,
Tagesschläfrigkeit, Albträumen und verzögerten oder vor gelagerten
Schlafphasen leiden. Hier besteht ein enger Zusammenhang mit der hohen
Rate an Psychotraumatisierungen der Betreuten.
Eine an traumapädagogischen Grundlagen
orientierte stationäre Jugendhilfepädagogik ermöglicht für die
betroffenen Kinder und Jugendlichen Halt, Sicherheit und Schutz. Die
Betreuten können in den Wohngruppen hilfreiche Bindungen eingehen und
sich an gesunden Modellen orientieren.
Eine achtsame traumapädagogisch
orientierte Jugendhilfe richtet auch auf das Schlafverhalten der
Betreuten ausreichend Aufmerksamkeit. Nur wenn die Betreuten nachts zur
Ruhe kommen sind sie in der Lage, sich den Anforderungen des Tages zu
stellen. Hierzu ist es wichtig, mit ihnen über ihr Schlafverhalten ins
Gespräch zu kommen. Im Bedarfsfall brauchen sie neben den anderen
traumapädagogischen Hilfen die Unterstützung der Pädagogen, um ein
angemessenes Ritual zum Ein- und Durchschlafen zu entwickeln.
Wie oben erläutert ist mit relativ
einfachen Mitteln eine Verbesserung der Gesundheit der stationär
betreuten Mädchen und Jungen möglich.
Eindeutig ist jedoch festzustellen,
dass gerade abends die Möglichkeit der pädagogischen Intervention durch
den derzeitigen Stellenschlüssel von 1:2,15, gemäß der
Leistungsvereinbarung, stark eingeschränkt ist. Hieraus ergibt sich ein
deutlicher Bedarf, die strukturellen Bedingungen zu verbessern.
Das SGB VIII, das Kinder- und Jugendhilfegesetz, hat Vorgaben bezüglich der Qualität formuliert.
Im § 1 des SGB VIII wird das Recht der
jungen Menschen auf „Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu
einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“
festgeschrieben (Absatz 1).
In § 2 Absatz 2, Punkt 4 wird die Hilfe
für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche und ergänzende
Leistungen aufgeführt und auf die Paragraphen 35a und 39 verwiesen. Das
Jugendamt Hamburg verweist in diesem Zusammenhang auf die Möglichkeit
von Zusatzstunden als Annexleistungen für einzelne Betreute. Durch
diese Individualisierung wird jedoch eine strukturell notwendige
Versorgungsverbesserung nur temporär ermöglicht und bleibt vom
Einzelfall abhängig.
In der durch Bundesmittel geförderten
Studie von Goldbeck und Fegert wird die „gravierende
psychopathologische Belastung von Kindern und Jugendlichen in
stationärer Jugendhilfe“ (Goldbeck und Fegert, 2008, S. 69) belegt.
Zwei Drittel aller an der Studie teilnehmenden stationär betreuten
Jugendlichen weisen klinisch bedeutsame psychiatrische Störungen auf.
Diese Studie kommt zu dem Schluss, dass die Jugendhilfeeinrichtungen
mit ihren bisher vorhandenen Strukturen durch Ergänzung von
entsprechendem Fachpersonal gut geeignet wären, nicht nur die Erziehung
der stationär Betreuten durchzuführen, sondern auch eine Rehabilitation
und Entwicklungsförderung psychisch kranker Jugendlicher gewährleisten
könnten (ebenda S. 70f).
Die internen Hilfen durch eine
psychotherapeutisch ausgebildete Fachkraft ermöglichen nicht nur die
Diagnostik der psychischen Belastungen und Ressourcen der Betreuten und
die Einzelförderung der psychischen Gesundheit. Auch die Ausrichtung
auf intensive traumapädagogische Hilfen im Alltag der stationären
Einrichtungsteile könnte dadurch unterstützt werden.
In diesem Sinne gibt es mit Sicherheit nicht nur in Hamburg noch viel zu tun.
(© 2009 Gabriela M. Klöber,
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin!
Foto: © Linda Dahrmann / PIXELIO)
Literatur:
Bäuml, J., Pitschel-Walz, G. (Hrsg): Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen, Stuttgart: Schattauer, 2003.
Behring, R., Kuzmanovic, B.,
Behmenburg, C., Fischer, G.: Schlaf- und Traumastörungen-
Psychotherapeutische und somatologische Behandlungsstrategien. In:
Bering, R., Reddemann, L.: Jahrbuch Psychotraumatologie 2007.
Schnittstellen von Medizin und Psychotraumatologie, S. 83-101,
Frankfurt: Asanger Verlag, 2007.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg): SGB VIII, Kinder- und Jugendhilfe, Berlin, 2007.
Franke, G. H.: SCL-90-R . Die Symptomcheckliste von Derogatis, deutsche Version, Manual. Göttingen: Beltz Test, 1995.
Goldbeck, L., Fegert, M.:
Abschlussbericht der Studie: Evaluation eines aufsuchenden,
multimodalen ambulanten Behandlungsprogramms für Heimkinder zur
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Behandlungsaufenthalte, Ulm, 2008, http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatriepsychotherapie, 10.4.2008.
Hensel, T. (Hrsg.): EMDR mit Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch. Göttingen: Hogrefe, 2007.
Huber, M.: Auch der Körper dissoziiert. Trauma und somatoforme Dissoziation.Vortrag 05.2008, Folie 6, unter: www.michaela-huber.com.
Huber. M.: Der innere Garten. Paderborn: Junfermann, 2006.
Jaritz, C., Wiesinger, D., Schmid, M.:
Traumatische Lebensereignisse bei Kindern und Jugendlichen in der
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Untersuchung. In: Trauma &Gewalt, 2. Jahrgang, 4, 2008, S. 266 –
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Klöber, G., Pompe, T., Tönnies, S.: Zur
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Lauth G. W., Heubeck, B.: Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder (KES). Göttingen: Hogrefe, 2006
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Ressel, H.: Rituale für den Alltag. Freiburg i.B.: Herder Taschenbuch, 1998.
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Quelle: http://www.traumapaedagogik.de
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