Hilfe bei angeborenen Alkoholschäden
Die Zeiten sind zum Glück vorbei, als ein Arzt zu einer schwangeren
Frau sagte: „Schnaps ist jetzt tabu – erlaubt sind nur noch Bier und
Wein!“ Noch vor gut 30 Jahren war so eine Aussage in deutschen
Sprechzimmern wohl nicht gar so ungewöhnlich. Heute dürfte sie tabu
sein. Denn mittlerweile weiß die Medizin sehr gut, welchen Schaden
natürlich auch Bier und Wein im Mutterleib anrichten. Das Problem hat
einen Namen: Fetales Alkoholsyndrom.
Kinder, deren Mütter ein Alkoholproblem haben und die während der
Schwangerschaft ungehemmt weiter trinken, werden unter Umständen für
ihr Leben vom Suff gezeichnet. Damit ist das größte Problem auch schon
umschrieben: Der Alkoholschaden im Gehirn des Ungeborenen ist
irreversibel. Umso bedeutsamer sind angesichts dieser eher
deprimierenden Situation die bescheidenen, aber durchaus vorhandenen
Fortschritte bei der Betreuung.
In Deutschland kommen jedes Jahr zwischen 3000 und 4000 Kinder mit
einem Alkoholsyndrom zur Welt. 600 bis 1200 haben es in voll
ausgeprägter Form, schätzt der Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr von der
Berliner Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder. Angesiedelt
unter dem Dach der von dem Geburtshelfer Joachim Dudenhausen geleiteten
Stiftung für das behinderte Kind, leistet die Beratungsstelle
Pionierarbeit, klärt auf und hilft Betroffenen.
Mitunter dauert es Jahre, bis der Alkoholschaden entdeckt wird. Meist
lebt das Kind bei Pflegeeltern, ist aus dem bedrohlichen
Alkoholikermilieu herausgenommen worden. Am Anfang sieht es nur
„putzig“ aus, ein bisschen wie eine Käthe-Kruse-Puppe. Mit auseinander
stehenden schmalen Augen und zierlichem Kopf. Aber es ist nicht nur zu
klein geraten, sondern fällt auch durch sein Verhalten aus der Rolle,
ist unruhig, mitunter aggressiv und versagt in der Schule.
Das Alkoholsyndrom stört empfindlich die seelische, geistige und
körperliche Reifung des Kindes. Woran das liegt, wie genau der Alkohol
sich im Organismus des Ungeborenen austobt, ist nicht geklärt. Alkohol
ist ein Mitosegift, hemmt die Zellteilung. Alles wird zu klein. Auch
der Kopf. Auch das Gehirn.
„Sie können als Betreuer nichts dafür“ – oft kann der Kinderarzt Spohr
mit diesem Satz die Pflegeeltern entlasten, denn diese quälen sich mit
Selbstvorwürfen, geben sich eine Mitschuld am schlechten Gedeihen. Für
die Kinder ist ein stabiler sozialer Rahmen, strikte Tagesrhythmen und
spezielle schulische Betreuung in kleinen Klassen eine große Hilfe. Und
bei hyperaktivem Verhalten ist das viel geschmähte Ritalin nötig.
Auch als Erwachsene sind Alkoholgeschädigte meist nicht selbstständig
und in drei von vier Fällen nicht erwerbsfähig. Trotzdem kann man viel
erreichen, wie die Berlinerin Heidi Reinhardt sagt, die Kinder mit
Alkoholsyndrom betreut. „Sie sind liebenswert und fröhlich. Und sie
haben etwas, was anderen oft fehlt: einen starken Lebenswillen und eine
große Neugier.“ Deshalb, sagt Frau Reinhardt, brauchen diese Kinder
eine Chance. Wenigstens nach der Geburt.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.02.2010)
|