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Artikel: Traumatisierte Pflegekinder PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 28. Juni 2015

 

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Quelle: Trauma & Gewalt, Heft 4/Nov. 2013

 

Katja Paternoga, Anne Schmitter-Boeckelmann

Traumatisierte Pflegekinder –

Moderne Erkenntnisse der Psychotraumatologie helfen Pflegekinder anders zu verstehen und ihre Entwicklung besser zu fördern

Unser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte aus der Arbeit und dem Zusammenleben mit den in der Regel komplex- bzw. bindungstraumatisierten Pflegekindern. Im ersten Teil werden heutige Erkenntnisse der Neurobiologie und Psychotraumatologie zusammengefasst, mit deren Hilfe psychisches Erleben von Pflegekindern und ihr oft konfliktträchtiges Verhalten besser erklärt und verstanden werden kann. Grundprinzipien, die den Umgang mit den oft komplex traumatisierten Kindern erleichtern können, werden dargestellt. Im zweiten Teil geht es darum, die Frage des erforderlichen Schutzes traumatisierter Pflegekinder insbesondere hinsichtlich Umgangsgestaltung mit und möglicher Rückführungsabsichten in die Herkunftsfamilie anhand eines realen Falles kritisch zu beleuchten. Unser Beitrag richtet sich an Pflegeeltern, MitarbeiterInnen der Jugendhilfe, TherapeutInnen und andere Fachkräfte, die an umgangs- und sorgerechtsregulierenden Prozessen beteiligt sind. Wir würden uns freuen, wenn unser Artikel positive Auswirkungen auf das Zusammenleben von Pflegekindern und Pflegeeltern hat und zur Wertschätzung der oft schwierigen und verantwortungsvollen Aufgabe der Pflegeeltern beiträgt. Darüber hinaus würden wir uns wünschen, dass durch unseren Artikel noch deutlicher wird, dass Kinderschutzarbeit nicht mit der Fremdunterbringung endet. Deshalb plädieren wir für eine transparente Kooperation zwischen beteiligten Fachkräften und Pflegeeltern und einen kritischeren Blick aller Fachkräfte auf Umgangs- und Rückführungsgedanken.

Erkenntnisse der Neurobiologie und der Psychotraumatologie als Beitrag zum Verständnis des Verhaltens und Erlebens von Pflegekindern

von Anne Schmitter-Boeckelmann

Auch heute noch ist es gängige Praxis der Jugendämter bzw. der Pflegekinderdienste, Pflegeeltern nicht oder nur bruchstückhaft über die Lebensgeschichte ihres Pflegekindes zu informieren. Als Begründung gilt dabei, dass Pflegeeltern und Pflegekind sich unvoreingenommen kennenlernen und einen von der Vergangenheit unbelasteten Anfang für das Kind und seine neue Pflegefamilie finden sollen. Es scheint, als wäre die Jugendhilfe heute selbst noch zu wenig über die Auswirkungen komplexer Traumatisierung auf das sich entwickelnde Gehirn und damit die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes unterrichtet. Nur so lässt es sich meines Erachtens erklären, weshalb den Pflegeeltern wichtige Informationen über den persönlichen Hintergrund des Kindes vorenthalten werden.

Leider führt diese Vorgehensweise häufig zu großen Schwierigkeiten zwischen Pflegeeltern und Pflegekind. Pflegeeltern sind oft nicht auf die massiven emotionalen Probleme und Verhaltensauffälligkeiten des Kindes vorbereitet, können sich diese nicht erklären und sind unter Umständen völlig überfordert im Umgang mit dem ihnen anvertrauten Kind. Die Pflegekinder selbst teilen sich häufig über Sprache nicht mit. Sie wollen nicht an Beängstigendes, Verletzendes oder Schambesetztes erinnert werden und suchen oft mit aller Macht Erinnerungen und Affekte zu vermeiden. Oft können Pflegekinder sich aber auch nicht an Erlebtes erinnern, da dies entweder sehr früh in ihrem Leben passiert ist oder aber so affektbeladen ist, dass es von ihnen so abgespalten wurde, dass es ohne Psychotherapie oder andere Hilfestellung der bewussten Erinnerung nicht mehr zugänglich ist.

Aus der Säuglings- und Bindungsforschung wissen wir heute um die Bedeutung der ersten drei Lebensjahre für die gesunde psychische Entwicklung des Kindes. Kinder brauchen von frühester Säuglingszeit an Bezugspersonen, die bereit und in der Lage sind sich auf ihr Kind einzuschwingen, die bereit sind seine Sprache, d.h. seine Erregungszustände, seinen Affektausdruck und sein Verhalten verstehen zu lernen und die ihm den Halt und die Unterstützung anbieten, die das Kind benötigt, wenn es sich selbst nicht mehr regulieren kann. Wenn Kinder insbesondere im Rahmen der ersten 3 Lebensjahre vielfältige Erfahrungen gemacht haben, von ihren Bezugspersonen gesehen, gespiegelt und willkommen geheißen zu werden, entwickeln sie sichere Bindungen und sicheres Bindungsverhalten. Liebevolle und verlässliche Fürsorge durch Bezugspersonen bilden die Voraussetzung für eine gesunde Gehirnentwicklung und damit für ein gesundes Wachstum der Persönlichkeit des Kindes.

Pflegekindern fehlt in der Regel die Erfahrung von sicheren Beziehungs- und Bindungserfahrungen völlig. Viele von ihnen waren in ihrer Säuglings- und Kleinkindzeit auf Eltern angewiesen, die desorganisierte Bindungen zu ihnen hatten. D. h. die Säuglinge und Kleinkinder waren in einem Moment vielleicht heiß geliebt, im nächsten Moment u.U. gehasst. Ihr Weinen, Schreien löste bei den häufig selbst früh traumatisierten Eltern eigene frühe beängstigende Erinnerungen aus. Erinnerungen, die Eltern durch »Wegstellen« des Kindes, durch körperliche oder verbale Gewalt, durch massive Ablehnung und Abwertung des Kindes zu kontrollieren suchten. Darüber hinaus haben Pflegekinder häufig sexuellen Missbrauch erfahren, dies häufig durch ihre engsten Bezugspersonen, was sich besonders katastrophal auf die Psyche des Kindes auswirkt. Man kann davon ausgehen, dass die hier beschriebenen Erfahrungen beim Kind von massiver Hilflosigkeit und Ohnmacht, von tiefer Verlassenheit und massiver Angst begleitet waren. Diese Gefühle musste das Baby und Kleinkind abspalten, wenn die Bedrohung für die Psyche des Kindes zu stark war.

Von der Hirnforschung wissen wir heute, dass Kinder nicht mit einem festgeformten Gehirn geboren werden, sondern sich ihr Gehirn je nach den gemachten Erfahrungen organisiert. Dabei sind die ersten 3 Lebensjahre von entscheidender Bedeutung für die Organisation des Gehirns, denn in dieser Zeit ist es besonders formbar. Je früher und schwerwiegender die Traumatisierung des Kindes ist, desto stärker ist die Beeinträchtigung des sich entwickelnden Gehirns. Der Neurobiologe Ford (2011) unterscheidet zwischen dem »lernenden Gehirn« des sicher gebundenen Kindes und dem »Survival-Gehirn« des traumatisierten Kindes, dem Gehirn, das auf Überleben ausgerichtet ist. Dies bedeutet: Kinder, die in den neuronalen Netzwerken des Gehirns gute Bindungserfahrungen verarbeitet haben, sind neugierig auf sich selbst und andere, wollen entdecken und sich mit Neuem auseinandersetzen. Bindungstraumatisierte Kinder hingegen sind immer orientiert auf Gefahr. Sie versuchen ständig diese vorwegzunehmen, zu vermeiden, sich zu schützen gegen körperliche als auch psychische Verletzungen.

Stark vereinfachend lässt sich das Gehirn in 4 Ebenen unterteilen (Perry, 2008), die sich aufeinander aufbauend entwickeln, in engem Austausch stehen und die jeweils verschiedene Funktionen haben. Je höher die Ebene, desto differenzierter die Aufgabe: Die untersten Ebenen des Gehirns, Hirnstamm (1. Ebene) und Diencephalon (2. Ebene), entwickeln sich bereits pränatal und in den ersten Lebensmonaten. Sie regulieren das autonome Nervensystem mit Blutdruck, Herzschlag, die Atmung, sowie den Schlaf-Wachrhythmus, das Sättigungs- bzw. Hungergefühl und das Kälte-Wärme-Empfinden. 

Kinder, die bereits in den allerersten Lebensmonaten grobe Vernachlässigung und/oder Gewalt erlebt haben, haben erste Schädigungen bereits auf den untersten Ebenen des Gehirns. Sie haben in der Regel massive Schwierigkeiten bei der Erregungsregulierung: sind permanent übererregt, d.h. unruhig, aufgedreht oder aber sind untererregt, wirken dann dumpf, leblos und schlaff. Darüber hinaus ist häufig ihr Wärme-Kälte-Empfinden, ihr Hunger- bzw. Sättigungsgefühl und ihr Schmerzempfinden gestört. 

Viele Pflegeeltern kennen von ihren Pflegekindern, dass diese maßlos Essen in sich hinein stopfen und kein Gefühl von Sättigung zu haben scheinen, im Winter im T-Shirt nach draußen laufen und dabei keine Kälte zu spüren scheinen, sich verletzen und keinen Schmerz zu spüren scheinen. Mit der Entwicklung des limbischen Systems ab etwa dem 3. Lebensmonat (3. Ebene) bilden sich die Grundgefühle erst aus: Kinder mit ihnen zugewandten Eltern haben ab jetzt vielfältige »Face to Face« Kontakte. Sie können nun selbst über ihre Mimik Gefühle ausdrücken und sehen sich willkommen geheißen und gespiegelt z.B. in den Augen und der Mimik der Eltern. Die positiven Grunderfahrungen gesehen, gespiegelt und willkommen geheißen zu sein, werden im limbischen System verarbeitet und hier gespeichert. Das Ergebnis ist eine Gehirnorganisation, die Ruhe und Ausgeglichenheit zur Folge hat. Auf dieser Basis kann sich dann der präfrontale Cortex, das Vorderhirn, (4. Ebene) gut entwickeln. Dieser ist zuständig für die Ausbildung intellektueller Fähigkeiten und der Sprache, ist bedeutsam hinsichtlich der Steuerung der Impulskontrolle und der Fähigkeit sich in sich selbst und andere hineinzuversetzen (Mentalisierungsfähigkeit).

Bindungstraumatisierte Kinder hingegen haben vielfältige Sinneseindrücke, die mit Gefahr verbunden sind, aufgenommen und diese im limbischen System in Erinnerungsfragmenten (wie einzelne Teile eines zerschlagenen Spiegels) abgespeichert, z.B. den Alkoholatem eines Elternteils oder z.B. das Bild einer erhobenen Hand vor einem Schlag. Dabei fungiert die Amygdala, ein Teilbereich des limbischen Systems, als Warnsystem und schätzt ein Ereignis hinsichtlich potenzieller Gefährdung ein. Immer dann, wenn ein Kind eine Situation als Bedrohung erlebt, wird die kortikale Ebene ausgeschaltet, das Kind reagiert reflexartig. d.h. die Situation wird nicht mehr analysiert und in einen Zusammenhang eingeordnet. Das Verhalten des Kindes wirkt dann für die Bezugspersonen häufig kopflos und unvernünftig. 

Komplex traumatisierte Kinder bleiben häufig in einem permanenten Anspannungs- und Alarmzustand. Dies bedeutet, dass sich das Frontalhirn häufig nicht optimal entwickeln kann, die Fähigkeit zu logischem Denken,  Impulskontrolle wie auch die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen, eingeschränkt ist (Ausreifung des Frontalhirns: Beginn ab 9. Monat und ausgereift erst mit ca. 22 Jahren). 

Zusammenfassend gilt: Kinder mit früher, anhaltender und schwerer Traumatisierung haben eine nachhaltig veränderte Gehirnorganisation im Vergleich zu Kindern, die in sicheren Bindungen aufgewachsen sind. Als gute Nachricht gilt dabei aber: mit liebevoller kontinuierlicher Begleitung ihres Pflegekindes können Pflegeeltern enorm viel für die Bahnung neuer bzw. die Entwicklung bestehender neuronaler Netzwerke im Gehirn des Pflegekindes tun und damit zur Heilung und Persönlichkeitsentwicklung des ihnen anvertrauten Kindes beitragen.

Mit dem Eintritt in die neue Pflegefamilie gibt es bestenfalls äußere Sicherheit. (Allerdings lassen die Auflagen der Jugendhilfe bezüglich weiterem Kontakt zu den früheren Bezugspersonen die Kinder häufig nicht wirklich zur Ruhe kommen und untergraben die Möglichkeit der Pflegefamilie dem Kind eine dauerhafte und fühlbare Sicherheit anzubieten.) Doch selbst wenn im Außen stabile Verhältnisse aufgebaut sind (durch verbindliche Zusagen, dass das Kind nicht zu der Ursprungsfamilie zurückgebracht wird), kehrt häufig keine Ruhe ein, was ungemein frustrierend für die Pflegefamilie als auch das Kind selbst sein kann. Das Pflegekind legt vermutlich weiterhin beunruhigende Verhaltensweisen an den Tag: Es zieht sich völlig in sich zurück, geht plötzlich und scheinbar ohne ersichtlichen Grund auf Eltern, Geschwister oder andere los, fällt durch Abwesenheitszustände zu Hause oder in der Schule auf, kann sich an Handlungen nicht erinnern, hat Schlafstörungen, Alpträume, nässt oder kotet ein etc.

Zusätzlich zum oben dargestellten Erklärungsmodell der Auswirkung von Traumatisierung auf das sich entwickelnde Gehirn bietet die moderne Psychotraumatologie dazu folgendes Erklärungsmodell an. Kinder, die massive Traumata erlebt haben, haben die Erinnerungen an traumatisch Erlebtes, Gefühle, die mit diesen Erlebnissen verknüpft sind, als auch damit verbundene Grundüberzeugungen über sich selbst und die Welt in einzelnen Persönlichkeitsanteilen gespeichert. Je bedrohlicher die ehemaligen Erlebnisse waren, je verängstigter und ausgelieferter sich das Kind gefühlt hat, desto mehr hat das Kind diese u.U. aus seinem Bewusstsein verbannt, so dass diese heute nicht mehr der Erinnerung zugänglich sind, aber im Kind quasi als traumatisierte jüngere Kinder/Anteile ein Eigenleben führen. Kinder, die massive Gewalt erlebt haben, haben darüber hinaus in der Regel einen oder mehrere Persönlichkeitsanteil(e), der gewaltsam agieren kann, der häufig die Energie der erlittenen Gewalt widerspiegelt und die enorme Wut des Kindes über das ihm zugefügte Unrecht beinhaltet. In der Regel aufgrund bestimmter Auslöser schießen Traumaerinnerungen oder die damit verbundenen Affekte durch, und das Kind verhält sich auf eine Weise, die der aktuellen Realität nicht angemessen erscheint, sich aber aus der Vergangenheit des Kindes verstehen und erklären lässt.

Für Pflegeeltern stellt dies eine große Herausforderung dar und bringt sie vermutlich immer wieder massiv an die eigenen Grenzen. Statt ihrem z.B. 8-jährigen Pflegesohn, der vielleicht viele Kompetenzen entwickelt hat, sehen sie sich plötzlich einem verängstigten Baby oder Kleinkind gegenüber. In anderen Situationen switcht ihr häufig verständiger, sie liebender Pflegesohn im Bruchteil von Sekunden in destruktives Verhalten: wird zu einem Jungen, der über das Alter hinaus Kräfte entwickelt, sie oder andere körperlich oder verbal attackiert und kaum zu bändigen ist. Für Pflegeeltern wichtig zu verstehen ist erst einmal, dass die hier geschilderten Verhaltensweisen Bewältigungsstrategien darstellen, die über die Zeiten großer innerer Not und den Versuch des kleinen Kindes psychisch zu überleben berichten.

Für den Umgang der Pflegeeltern mit ihrem Pflegekind kann die Autorin folgende Empfehlungen geben. Grundsätzlich ist wichtig herauszufinden, welches Verhalten in der Pflegefamilie oder im sonstigen Umfeld Traumaerinnerungen beim Kind triggert. Z.B. könnte die lautere Stimme der Pflegemutter beim Kind Erinnerungen an die leibliche Mutter wachrufen, die erst geschrien und dann zugeschlagen hat. Wenn Pflegeeltern und Kind mögliche Auslöser verstehen, können diese eventuell vermieden werden oder aber Pflegeeltern und Kind können einen anderen Umgang mit diesen finden. Grundsätzlich braucht das Kind die Unterstützung seiner Bezugspersonen hinsichtlich seiner Erregungs- und Affektregulation. Dabei benötigt nicht nur das Kind in seiner heutigen Alltagspersönlichkeit liebevolle und kontinuierliche Unterstützung der Pflegeeltern. Insbesondere die verängstigten, traumatisierten Innenanteile brauchen, wenn sie zutage treten, Beruhigung und psychisch nährende Interventionen seitens der Pflegeeltern, damit auch diese sich im »Hier und Heute« sicherer und geborgener fühlen. Als hilfreiche Interventionen haben sich für Kleinkinder und jüngere Schulkinder z.B. erwiesen: Das Pflegekind auf dem Schoß wiegen bzw. schaukeln, es in der Hängematte schaukeln oder auf einem Gymnastikball hin und her bewegen, wobei jeweils das Elternteil beruhigend mit dem Kind spricht und es gegebenenfalls ins »Hier und Jetzt« orientiert. Haltgebender Körperkontakt, Massagen können dem Kind ein Gefühl von Körpergrenze geben, und ihm helfen, seinen Körper zu bewohnen. Dabei ist aber wichtig darauf zu achten, ob das Kind Körperkontakt genießt oder diesen als neuerliche Grenzverletzung erlebt. Auch wenn der Tag noch so schlimm war, sollten verlässliche Abendrituale den Tag noch zu einem guten Abschluss bringen. Insbesondere abends, wenn die bewusste Kontrolle des Kindes nachlässt, brechen Traumaerinnerungen und Gefühle, ausgeliefert und bedroht zu sein, durch. Das Kind sieht sich dann Monstern und Geistern gegenüber, die es eventuell vernichten wollen.

Hinsichtlich des Persönlichkeitsanteils des Kindes, der die massive Wut des Kindes trägt und zu zerstörerischem Verhalten neigt, haben Pflegeeltern einen Spagat zu leisten. Auch dieser Anteil braucht die Akzeptanz und das Verständnis der Pflegeeltern. Gleichzeitig sind aber klare Regeln wichtig, wie das Zusammenleben ohne destruktives Ausagieren des Kindes funktionieren kann. Das Kind muss lernen, die Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen, benötigt Unterstützung und Hilfsmittel an die Hand, um seine Wut, seinen Hass auszudrücken, ohne jemand anderen oder sich selbst körperlich oder verbal zu verletzen. Bewährt hat sich z.B. ein Boxsack, der im Beisein eines Erwachsenen bearbeitet wird, alte Zeitungen, die zerrissen und Eierkartons, die zertreten werden können. Meine persönliche Haltung dabei ist, das Kind hier nicht allein zu lassen, sondern ihm auch hier wertschätzend zur Seite zu stehen. Ich hoffe, dass ich mit meinem Artikel deutlich gemacht habe, wie verantwortungsvoll die Betreuung eines Pflegekindes ist und wie schwierig diese sein kann. Scheuen Sie als Pflegeeltern nicht, sich psychotherapeutische Hilfe für das Kind als auch gute Supervision für sich selbst zu suchen, wenn die Schwierigkeiten des Pflegekindes den Familienalltag sehr belasten bzw. das Kind durch sein auffälliges Verhalten nach Hilfe schreit.

 

Pflegekinder brauchen äußere und innere Sicherheit – Überlegungen zu strukturimmanenten Bedingungen und ihre Bedeutung für die Entwicklung traumatisierter Pflegekinder

von Katja Paternoga

Gründe für Inobhutnahmen von Kindern sind nur in seltenen Fällen Krankheit oder Tod der Kindeseltern. Der Hauptteil dieser Kinder wird wegen Vernachlässigung, Misshandlung und/oder Missbrauch aus ihren Familien genommen. Oft werden gerade jüngere Kinder gern in Pflegefamilien vermittelt, weil die Hoffnung besteht, dass diese den Kindern durch ihre familiäre Struktur und ihr Bindungsangebot die Heilungschancen bieten können, die sie benötigen.

Bei der Betrachtung der Entwicklung von zuvor – durch Vernachlässigung, Gewalt und Bindungsabbrüche – traumatisierten fremd untergebrachten Kindern können wir immer wieder beobachten, dass diese die Chance, in einer sicheren neuen Umgebung mit neuen Beziehungsangeboten aufzuwachsen nur als Heilungs- und Entwicklungschance nutzen können, wenn dieses neue Angebot sicher ist. Aus der Psychotraumatologie wissen wir, dass eine grundsätzliche Voraussetzung zur Verarbeitung von Traumafolgestörungen die äußere Sicherheit ist, d.h. die Gefahr muss vorüber sein. Erst auf dieser Basis können Menschen verstehen lernen, dass es im Außen anders ist als zuvor. Erst dann können sie innere Sicherheit herstellen und fühlen lernen und ebenso wahrnehmen lernen, dass die Menschen, die ihnen neue Beziehungsangebote machen, sie nicht verraten, verlassen oder verletzen werden.

Die Strukturen im Pflegekinderbereich sind in vielen Ländern jedoch nicht ausreichend geeignet, den Kindern diese so dringend benötigten Voraussetzungen zu bieten. Viele Pflegekinder wachsen in einem Spannungsfeld zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie auf, in dem sie ständig spüren, dass ihr Verbleib in der Pflegefamilie nicht sicher ist. Dies hängt von familienrechtlichen Gegebenheiten ab (Sorgerecht, Umgangsrecht), von der Haltung der Herkunftsfamilie, der Sozialarbeiter (Pflegekinderdienst, Jugendamt, Politik), der Pflegeeltern und ihren Einstellungen und Ressourcen.

Kinder, die immer wieder erleben, aus den Zusammenhängen gerissen zu werden, die Rückführungen und Inobhutnahmen erfahren, werden hierdurch retraumatisiert. Sie hören bei Umgangskontakten – und das oft über Jahre –, dass die leiblichen Eltern sie zurückholen werden oder werden sogar bei Umgangskontakten bedroht. Leider zeigt die Erfahrung, dass auch der begleitete Umgang dies nicht immer verhindern kann.

Laura, deren Eltern sie sexuell missbraucht und schwer misshandelt hatten und sie im Alter von 1 – 5 Jahren regelmäßig an fremde Männer verkauft hatten, wurde mit 5 J. in einer Pflegefamilie untergebracht. Das Jugendamt erhoffte sich das Aufholen der Entwicklungsverzögerungen und die Verbesserung der Verhaltensauffälligkeiten. Die leiblichen Eltern hatten sich gegen die Fremdunterbringung heftig gesträubt und schließlich zögerlich eingewilligt und unterschrieben. Um die Eltern ruhig zu stellen und ein Gerichtsverfahren zu vermeiden (vor dessen Ausgang sich die Sozialarbeiterin wegen der Vehemenz der Eltern fürchtete), wurde den Eltern ein umfangreicher begleiteter Umgang, auch in der Wohnung der Pflegeeltern, zugesichert. Dieser wurde dann später auf Bestreben der Pflegeeltern größtenteils aus der Wohnung verlegt. Nach einem Jahr durften die Eltern Laura für einen Tag mit sich nehmen. Da Laura sich nicht entwickelte und nach den Umgängen starke Verhaltensauffälligkeiten zeigte, wurde schließlich ein betreuter Umgang durch einen Träger festgelegt. Die Bedenken der Pflegeeltern gegen den Umgang wurden tendenziell als deren Bindungsintoleranz eingeschätzt. Aufgrund sehr günstiger Entwicklungen in der Therapie und der Beziehung zwischen Laura und ihrer Pflegemutter gelang es Laura im Alter von 8 Jahren mitzuteilen, dass sie die Eltern nicht mehr sehen wolle. Sie wurde vom Jugendamt jedoch zu weiteren Umgängen überredet. Erst als Laura vom sexuellen Missbrauch durch die Eltern und fortgesetztem sexuellem Missbrauch während des unbegleiteten Umgangs berichtete, wurde der Umgang ausgesetzt. Ab diesem Zeitpunkt konnte Laura sowohl ihre Therapie als auch das Bindungsangebot in der Pflegefamilie für sich nutzen und entwickelte sich zusehends. Später berichtete sie, dass die Kindesmutter während des betreuten Umgangs ihr immer wieder in unbeobachteten Momenten erklärt habe, dass die Pflegeeltern mit ihr befreundet seien und sie bestraft würde, wenn sie vom Missbrauch erzähle. Diese und viele andere Andeutungen und extra gesetzte Trigger bedeuteten für das Kind in seinem Erleben eine Fortsetzung der Unsicherheit. Dazu trug die Tatsache bei, dass die Pflegeeltern die Täter (leibliche Eltern) in ihre Wohnung gelassen hatten und mit ihnen normal umgegangen waren, ihnen das Kind überlassen und (wenn auch unwissend) dem erneuten Missbrauch ausgesetzt hatten, ebenso wie sie der permanenten Bedrohung und Aussicht auf Rückführung (Andeutungen Kindesmutter) nichts entgegen setzen konnten. Wegen des Schweigegebots hatte Laura auch nicht die Möglichkeit, sich andere Informationen zu holen und die Unterstellung von Mittäterschaft der Pflegeeltern so korrigieren zu können. Die relative Sicherheit in der Pflegefamilie konnte nicht als solche von Laura erlebt werden. Laura lebte weiter im Überlebensmodus. Erst, als der Umgang ausgesetzt und das Sorgerecht entzogen worden war, begann eine Entwicklung, sowohl emotional, geistig als auch körperlich. Laura, bei der psychosozialer Minderwuchs diagnostiziert worden war, und bei der selbst die Fingernägel nur zwei Mal im Jahr hatten geschnitten werden müssen, wuchs plötzlich körperlich (und ihre Nägel wurden wöchentlich geschnitten).

Durch das Erleben der äußeren Sicherheit, die nun tatsächlich erst nach Sorgerechtsentzug und Umgangsaussetzung geschaffen worden war, gelang es Laura zusehends innerlich wahrzunehmen, dass sie nun (außen) sicher war. Ebenso konnte sie sich schrittweise auf das Bindungsangebot der Pflegeeltern einlassen. Auf dieser Basis konnte sie ihre Ressourcen ausbauen und schließlich in einer Traumatherapie die abgespaltenen Traumatisierungen, die sie langsam erinnerte, verarbeiten und integrieren, ihre Bindung zu den Pflegeeltern weiter intensivieren und nach und nach in einem jahrelangen schwierigen Prozess Entwicklungen zum großen Teil nachholen.

Wenn wir wissen, dass oft die politischen, rechtlichen, personellen und anderen Bedingungen dazu führen, dass systemimmanent eine äußere Sicherheit für Pflege- und andere fremd untergebrachte Kinder nicht gegeben ist, so bedeutet das für Pflegeeltern, Sozialarbeiter und Therapeuten, dass sie mit diesem Faktor bewusst umgehen sollten. Dies heißt einerseits, die systemimmanenten Probleme realistisch zu betrachten und im Einzelfall jeweils achtsam hiermit umzugehen. Das ist eine erste Voraussetzung, die dennoch vorhandenen Möglichkeiten zu finden, ein uns anvertrautes Kind auf seinem schwierigen Weg zu begleiten. Die Bereitschaft, hinzusehen und immer wieder neu zu justieren, kostet Mühe, die sich auszahlen kann. Pflegeeltern benötigen hierbei kompetente Begleitung, Fortbildung, Supervision und Entlastung (Selbstfürsorge). Denn ein wichtiger Faktor für die äußerlich und innerlich erlebte Sicherheit eines Pflegekindes liegt in der Person der Pflegeeltern, deren Beständigkeit, Gelassenheit und Einfühlsamkeit.

Andererseits ist es wichtig, uns als Praktiker und Menschen, die Veränderungserfordernisse in den Bedingungen erkennen, immer wieder im Rahmen unserer jeweiligen Möglichkeiten konstruktiv hierfür einzusetzen, damit erforderliche strukturelle Veränderungen mittel- und langfristig wachsen können.

 

Ford, J. (2011), Neurobiologische und entwicklungspsychologische Forschung und ihre klinischen Implikationen. In Courtois, C. A. & Ford, J. D. [Eds.]. Komplexe traumatische Belastungsstörungen und ihre Behandlung: Eine evidenzbasierte Anleitung, Jungfermann: Paderborn.

Perry, B. & Szalavitz, M. (2008). Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde. Kösel Verlag: München.

Dipl.-Päd. Anne Schmitter-Boeckelmann, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, niedergelassen in Ludwigsfelde, Ausbildung in tiefenpsychologisch fundierter Kinderund Jugendlichenpsychotherapie, analytischer Säugling-Kleinkind-Elterntherapie, spezieller Psychotraumatherapie und EMDR, Körperpsychotherapie. Ausbilderin, Dozentin, Supervisorin.

Dipl. Soz. Päd. Katja Paternoga, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, niedergelassen in Rathenow. Ausbildung in Verhaltenstherapie, spezieller Psychotraumatherapie und EMDR, Vorsitzende des Aktivverbund e. V. (bis 2014), Dozentin und EMDR Supervisorin KJ, Pflegemutter.

 

 

 
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