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Markus, ein "leicht behindertes" Pflegekind ....
(mit einem Kommentar der behandelnden Therapeutin)
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Ich
bin Psychologe, und meine Freundin und ich dachten, wir könnten einem
Kind ein Zuhause geben. Markus wurde uns als "besonders leicht
behindertes" Pflegekind vermittelt. Er habe nur eine leichte
Sprachentwicklungsverzögerung.
Als
er zu uns kam, war er sieben Jahre alt, trug noch Windeln und konnte
kaum sprechen. Er hockte oft lange Zeit erstarrt in einer Ecke, malmte
mit dem Kiefer, klaute alles, was glitzerte und glänzte. Sammelte
Essensreste aus dem Müll und hortete diese im Bett oder anderswo. Oft
wusste er gar nicht, wer oder wo er ist und was geschehen war. Er
verfolgte mich überall hin, wie ein Schatten, lautlos und heimlich.
Manchmal auch fordernd. Angstvoll wimmernd hockte er auf meinem Schoß:
Er hatte Angst vor "schwarzen Männern", die ihn holen würden. „Nein“
sagte ich „da kommen keine schwarzen Männer, das weiß ich.“
Heute
weiß ich mehr. Heute weiß ich auch, warum Markus seinen Vater
eigentlich nicht hatte treffen wollen, aber nur zaghafte Anzeichen
machte und nie wagte, es laut zu sagen. Er pullerte zwar danach ein und
klaute wie wild, aber das sei ja normal, dass Kinder so reagieren, wenn
sie ihre Eltern sehen: Das Jugendamt überredete Markus immer wieder zu
den Kontakten.
Als
der Vater Markus dann einmal mit nach Hause nehmen konnte, geschah es:
Markus erlebte erneut die furchtbaren Erlebnisse, die er durch seinen
Vater früher durchlitten hatte. Mehrere Monate danach begann Markus,
mir zu berichten, was er erlebt hatte. Es entfächerte sich eine
grausame Geschichte: Die "schwarzen Männer" waren Mitglieder einer
Sekte, der Markus´ Vater angehörte. Markus ist zu Hause vernachlässigt
und misshandelt worden. In der Sekte wurde er bei rituellen "Festen"
vergewaltigt und gefoltert. Markus berichtete, dass er Zeuge von
Menschenopfern geworden sei und Menschenfleisch essen musste. Er sei
aufgefordert worden, ein Baby zu töten. Eine endlose Aufreihung an
unglaublich grausamen Erlebnissen könnte hier aufgeführt werden.
Ich
will hier nicht den genauen Ablauf der Greueltaten diskutieren, fest
steht, dass Markus in extremer Weise und in vielen Situationen
traumatisiert wurde und an den Folgen weiter leidet. Bei Kindern führt
extreme und anhaltende Traumatisierung oft zu seelisch-körperlicher
Abspaltung - ’Dissoziation’. Was die kindlichen
Verarbeitungsmöglichkeiten "sprengt", ist dem integrierten Verarbeiten
und Erinnern nicht mehr zugänglich, taucht aber schlagartig wieder auf,
wenn entsprechende Auslöser in der Gegenwart erneut eine Verbindung zu
den früheren Erfahrungen herstellen. (Vor kurzem wurde im "Spiegel"
darüber berichtet, dass Wissenschaftler mit Gehirnscans diese
unterschiedlichen Bewusstseinszustände Jahre nach der Traumatisierung
nachgewiesen haben.)
Markus
hat, wie Experten diagnostizierten, eine sog. ’dissoziative Störung’,
d.h. aufgrund der vielfältigen Traumatisierungen ist seine
Persönlichkeit aufgespalten. Markus´ Störung machte ihn als Zeugen für
ein Strafverfahren gegen seinen Vater unbrauchbar. Wir mussten aus der
Kleinstadt, in der wir wohnten, wegziehen, um Markus zu schützen. Ich
verlor meine Beziehung, meine Freunde, mein Umfeld, in dem ich
aufgewachsen war. Ich musste meinen Beruf aufgeben, da Markus mich rund
um die Uhr brauchte. Wenn er in der Schule war, musste ich die
Hausarbeit machen, die Elterngespräche bei dem Therapeuten führen, im
Jugendamt etc.. Ich lebe seither vom heilpädagogischen Erziehungsgeld.
Heute
ist Markus 14 Jahre alt und besucht noch immer eine Schule für Geistig
Behinderte, trägt nachts eine Windel und ist immer freundlich.
Äußerlich scheinbar ein einfaches Pflegekind, nur nachts, da kommt er
zu mir und erzählt mir von den Folterungen, Morden, Quälereien in
unzähligen Details, und ich muss ihn halten. Oder er verletzt sich oder
andere. Unzählige Male reinszeniert er die Traumata. Und ich muss damit
leben. 3 Stunden Therapie wöchentlich. Der Alltag geprägt von
Persönlichkeitssprüngen, die ich begleite, ich kenne sie alle. Reden
durften wir nie mit jemandem darüber (außer der Therapeutin/dem
Therapeuten und den Leuten vom Jugendamt), um Markus vor den Mittätern
zu schützen, die ihm aufgrund der Maskierungen unbekannt blieben, so
war es mit dem Jugendamt und den beteiligten Experten abgestimmt. Und
wer würde das schon hören wollen?
Auch
dem Gutachter vom Senat werden wir das nicht sagen können. Aber im
Leitfaden zur Feststellung des erweiterten Förderbedarfs findet man die
dissoziativen Störungen ja sowieso nicht. Dann wird Markus wohl bald
wieder als "besonders leicht behindert" gelten. Und vielleicht wird
Markus dann ja auch seinen Vater wiedertreffen müssen...
Heilpädagogischer Pflegevater in Berlin (März, 2004)
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Vorbemerkung:
Frau Dipl.-Psych. Dagmar Eckers, Verhaltens- und Gesprächstherapeutin
mit sehr viel Erfahrungen auf dem Gebiet der Traumatherapie, hat uns
einige Anmerkungen über Posttraumatische Belastungsstörungen und ihre
Arbeit mit Markus zukommen lassen, die wir veröffentlichen dürfen, weil
der Fallbericht so abgewandelt wurde, daß er nicht zu identifizieren
ist. Wer mehr über ihre Arbeit mit traumatisierten Kindern erfahren
will, sollte das Interview lesen, das Angela und Norbert Remus mit ihr
geführt haben (siehe TRAUMATISIERTE KINDER).
Prof. K. Eberhard (März, 2004)
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Ergänzend
zum Bericht des Pflegevaters von Markus möchte ich als behandelnde
Therapeutin die Dimension von dissoziativen Störungen für betroffene
Kinder und das gesamte Umfeld beleuchten:
Der
extrem traumatische Hindergrund hat zur Folge, dass die Kinder
zeitweise unter allen nur denkbaren Symptomen einer Posttraumatischen
Belastungsstörung leiden: Quälende Erinnerungsbilder, die so lebhaft
sind, dass sie den Kindern oft realer als die jetzige Realität
erscheinen; entsprechende Panik bei heutigen Auslösern (bei Markus u.a.
Dunkelheit, Messer, Blut); und ein (sehr verständliches) Bedürfnis,
sich diesen Bildern und dieser Panik nicht mehr aussetzen zu wollen –
daher der Versuch, möglichst alle diese Auslöser im heutigen Alltag zu
vermeiden. Das führt oft zur Einschränkung des Bewegungs- und
Handlungsspielraums: Kinder wollen nicht allein schlafen, haben starke
Trennungsschwierigkeiten u.a.m.
Neben
der posttraumatisch wirksamen Komponente kommt die dissoziative
Problematik hinzu: Durch die Anpassung an unerträgliche und
lebensbedrohliche Situationen entstehen z.T. völlig getrennt erlebte
Bewusstseinszustände in der Person des Kindes, die ebenfalls auf
heutige Auslöser hin schnell wechseln können. Im sonst vorhandenen und
von uns als so selbstverständlich erlebten Bewusstseinszusammenhang
existieren bei dissoziativen Störungen Brüche: eine Seite von Markus
kann (weil Glasscherben auf dem Boden liegen) in einem unbeobachteten
Augenblick Glasscherben gesammelt und in sein Bett gelegt haben,
während eine andere Seite von ihm auf den Scherben liegend aufwacht und
nicht weiß, woher die Scherben stammen. Entsprechend ist Markus der
extrem belastende Entstehungshintergrund der Störung in manchen
Momenten zugänglich (z.B. eher in der Nacht - ausgelöst durch die
Dunkelheit), in anderen Momenten nicht. Das ist der Zusammenhang, warum
Markus´ Pflegevater schrieb: „Markus´ Störung machte ihn als Zeugen für
ein Strafverfahren gegen seinen Vater unbrauchbar.“
Für das Umfeld - d.h. auch für die Pflegefamilie – hat das alles vielfältige Auswirkungen:
Der
Nachtschlaf ist häufig gestört. Kinder mit dieser Problematik müssen
oft stark kontrolliert werden, damit sie nicht sich oder andere
Menschen verletzen oder gefährden. Die Verhaltensweisen und Ängste sind
extrem belastend und führen nicht selten zu einer sekundären
Traumatisierung – d.h. die Pflegeeltern solcher Kinder erleben selbst
Depressionen, Schlafstörungen und Belastungsbilder (wie das Bild von
Markus, der auf den Scherben liegt). Diese sekundären Traumatisierungen
sind eine direkte Folge dessen, dass die Pflegeeltern mit den
belastenden Verhaltensweisen und heftigen Emotionen der Kinder (wie
totale Hilflosigkeit, ohnmächtige Wut, Angst...) permanent konfrontiert
sind, so dass bei den Pflegeeltern ebenfalls Hilflosigkeit, Angst,
Ohnmacht... entstehen. Diese sekundäre Traumatisierung ist bei Markus´
Pflegevater noch nicht aufgetreten – sicher auch, weil er nicht nur
sehr engagiert, sondern auch fachlich sehr gut qualifiziert ist.
Dennoch hätte mancher Pflegevater schon früher aufgegeben.
Die
Lebens- und Pflegebedingungen für Markus´ Pflegevater sind auch jetzt
nicht beneidenswert; was ich bei dem Pflegevater erlebe, ist ein 16-
bis 18-Stunden-Tag. Es geht leider auch oft um den finanziellen Rahmen:
in Berlin werden Therapien nach dem KJHG (Kinder- und
Jugendhilfegesetz) drastisch eingeschränkt, über die Krankenkasse
werden (je nach Therapierichtung) höchstens zwischen 80 und 200 Stunden
insgesamt bewilligt. Und die heilpädagogischen Pflegestellen sind durch
die geplanten Streichungen des Berliner Senats in ihrem Weiterbestand
heftig gefährdet. Da Markus´ Pflegevater jetzt nicht berufstätig sein
kann, würde ein Entzug der finanziellen Grundlage bedeuten, dass er
Markus evtl. in ein entsprechendes Heim geben müsste (mit mindestens
dreifachem Pflegesatz für den Senat).
Hinzu
kommt, dass er in der Regel mit kaum jemand darüber sprechen kann – zum
Teil, um Markus zu schützen, zum Teil, weil das Ausmaß von Gewalt von
niemand gern zur Kenntnis genommen wird. Das führt dazu, dass sich
Pflegeeltern möglicherweise genauso isoliert und aus der
„Normalgesellschaft“ ausgestoßen fühlen können wie die traumatisierten
Kinder selbst. Wenn Markus´ Pflegevater – wie durch den Beitrag auf der
AGSP-Webseite – an die Öffentlichkeit geht, muss er gewärtig sein, dass
ihm Unwissenschaftlichkeit, Panikmache oder die Unterstützung „falscher
Erinnerungen“ (durch suggestives Fragen z.B.) vorgeworfen wird. Es ist
mutig, dass er dennoch diesen Schritt getan hat. Ich freue mich, dass
die AGSP auf ihrer Webseite den Rahmen dafür zur Verfügung gestellt
hat.
Dagmar Eckers, Diplompsychologin
Quelle: agsp.de
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