Was findet in der Pflegefamilie statt?
Freitag, 18. November 2005
Diskussionsbeitrag von Joachim Jetschmann

Der wichtigste Begriff ist der Begriff der Erziehung. Nun wissen wir, dass Erziehung kein durch Monokausalität (das „widerspenstige“ Kind) bestimmtes Ereignis darstellt. Doch unser Verständnis sieht immer noch so aus: Du tust nicht was gesellschaftlich gefordert wird, also setze ich meinen Kanon an erzieherischen Maßnahmen an, der dich dazu bringen soll, dies erwünschte Verhalten zu erzeugen. Die moderne Erziehung würdigt die Erfahrung des Kindes und bindet sie in den Erziehungsprozess mit ein, damit setzt sie sich wohltuend von der immer noch vorhandenen Betrachtung des „widerspenstigen“ Kindes ab.
Das Kind wird mit allerlei Maßnahmen dazu gebracht, das zu tun oder zu lassen, was zur Integration in die Gesellschaft erforderlich ist.

Dies mag noch recht gut bei Kindern möglich sein, denen es emotional gut geht, denn sie können sich mit der Zeit recht gut gegen diese Erziehung „wehren“, in dem sie eigene Akzente oder etwas Neues hervor bringen, denn sie haben die Fähigkeit durch die Exploration der Umwelt die Behauptungen der Erzieher zu überprüfen. Ein guter Prozess.

Für misshandelte, vernachlässigte oder sexuell missbrauchte Kinder bleibt der Weg der Exploration, damit das Erfahrungswissen durch eigene Erkundung verschlossen.
Diese Möglichkeit, so wissen wir heute, haben nur Menschen, die über gesunde, enge Bindungen zu anderen Menschen, in der Regel sind dies die leiblichen Eltern, verfügen. Sie sind emotional für dieses Mut erfordernde Unterfangen der Umwelterkundungen gut gerüstet.

Diese Möglichkeit ist aber den Kindern nicht möglich, denen die Entwicklung von gesunden Bindungen verwehrt geblieben war. Für diese Säuglinge und Kinder ist die Welt bedrohlich, angstauslösend. Wenn die Säuglinge und Kinder Glück haben, so gelangen sie zu anderen liebevollen Menschen, die ihnen nochmals ein Bindungsangebot machen können.
Dies sind Adoptivfamilien oder Pflegefamilien.

Aber wie können diese schwer vorgeschädigten Säuglinge und Kinder nochmals das Risiko eingehen so schwer verletzt zu werden, denn diese Verletzungen sind mit oft unerträglichen „Schmerzen“ verbunden.
- Die meisten von uns haben sich schon einmal verliebt. Sie wissen deshalb wie schmerzhaft eine unerfüllte Liebe sein kann. Wir können aber mit dem Verlust normalerweise nach kurzer Zeit fertig werden, denn wir wissen, dass wir geliebt und gewollt sind, weil wir die Sicherheit aus unseren Bindungen der ersten Bezugspersonen schöpfen können.-
Die Säuglinge und Kinder, von denen hier die Rede ist, verfügen nicht über eine solche Vorerfahrung, für sie ist die Umwelt bedrohlich und angstauslösend.

Der Schlüssel zum genaueren Verständnis ist ein so leicht daher gesagtes Wort, „Bindung“, dessen übergroße Bedeutung oft verkannt wird, was die notwendigen Voraussetzungen für die betroffenen Kinder in den Pflegefamilien beeinträchtigen oder zunichte machen kann. Hierzu führen nicht selten Maßnahmen der Jugendämter, durch fachlich nicht ausreichend qualifizierte Mitarbeiter oder immer noch unzureichenden gesetzliche Vorgaben.

Bindung:

Schwer misshandelte, vernachlässigte und sexuell missbrauchte Säuglinge und Kinder, die ihre natürliche Bindungsfähigkeit verloren haben, befinden sich in einer emotionalen Zwischenwelt, aus der sie nicht ohne Hilfe von „Außen“ herauskommen können.

Diese Menschen erliegen als Jugendliche oder Erwachsene, auf der Suche nach emotionaler Sicherheit und Geborgenheit, den schädlichsten Versuchungen, wie z. B. der Trinksucht, Rauschgiftsucht, Arbeitssucht, Kriminalität, Größenwahn, Borderline, Depression, Selbstmord,….

Wenn diesen Säuglingen und Kindern nicht auf irgendeine Art und Weise die „heilende Bindung“ ermöglicht wird, so werden wir diese Säuglinge und Kinder verlieren. Sollten diese Menschen soweit kommen, dass sie eigene Kinder in die Welt setzen, so werden sie nicht fähig sein, ihnen das zu geben was für Menschen zur Essenz des Lebens gehört, nämlich: Bindungsfähigkeit.

Die Pflegefamilie wird mit dem Entstehen der dualen Bindungen zum Kind nicht mehr austauschbar:

Hier setzt die Aufgabe der Pflegefamilie an. Nicht umsonst steht sogar in den neuen Ausführungsvorschriften zum Pflegekinderwesen in Berlin drin, dass die Pflegefamilie dem Pflegekind ein Bindungsangebot machen soll, dass heißt die Pflegeeltern müssen diese Erfahrung aus ihrer eigenen Vergangenheit mitbringen, da man sie nicht wie ein Diplom erwerben kann.
Sie müssen besonders viel von dieser Fähigkeit mitbringen, so dass sie diesen misshandelten, vernachlässigten und sexuell missbrauchten Kindern in ihre Welt folgen können, um ihnen die Sicherheit der Bindung geben zu können, die den Kindern erst das Vertrauen zurückgibt, damit sie aus dem Labyrinth von Ängsten und Misstrauen heraus den Pflegeeltern folgen können.
Die Leistung der Pflegeeltern besteht „… im Abtragen all dessen, was zwischen uns steht – der Stützen, Masken, Rollen, Lügen, Widerstände, Ängste, Projektionen und Introjektionen, kurz: aller Überhänge aus Vergangenheit, Übertragung und Gegenübertragung, die wir nach Gewohnheit und Übereinkunft, bewusst oder unbewußt, bei unseren Beziehungen in Zahlung geben.“ (Ronald D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung)
Die Fortentwicklung der theoretischen Kompetenzen und ihrer praktischen Umsetzung wird damit zur notwendigen Ergänzung der liebevollen Pflege des Kindes und damit der Entstehung der heilenden Bindung zu dem Kind.
Damit werden die Pflegeeltern zu „Psychotherapeuten“ und Erziehern, die begierig werden müssen nach Mehr-Verstehen-Wollen.

Aus dieser Erkenntnis ergibt sich der besondere Schutz, den diese Bindungen vor dem Gesetz genießen (Verbleibensanordnung gem. BGB).

Diesen Schutz genießen nicht die Kinder in Heimen oder Erziehungsstellen nach § 34 KJHG.

Weil hier diese besonders schützenswerten Bindungen nicht in einem schützenwerten Sinne des BGB entstehen können und wenn doch, dann werden diese oft jäh beendet.

Die Pflegeeltern werden durch diesen durch sie selbst und sich selbst initiierten Prozess der Entstehung heilender Bindungen zu verletzbaren Subjekten in diesem Prozess. Indem das Kind Bindungen zu den Pflegeeltern aufbaut, also die Pflegeeltern zu sozialen Eltern macht, können sich die Pflegeeltern emotional nicht verweigern, wenn sie authentisch in ihrem Bindungsangebot bleiben wollen, und müssen sich selber an das Kind binden.

Wenn sich diese Pflegeeltern dann für die Rechte der Säuglinge und Kinder wie Pflegeeltern verhalten, die durch Bindungen an die Kinder gebunden sind, wird ihnen dies regelmäßig zum Vorwurf gemacht. Sie sollen sich binden ohne sich emotional zu beteiligen oder wenn dies nicht anders geht, mit der notwendigen Distanz, damit Verwaltungsprozesse nicht gestört werden.

Berliner Pflegeeltern wurde von Verwaltungsbeamten der Vorschlag unterbreitet, dass sie doch die Kinder abgeben können, wenn diese den „erweiterten Förderbedarf“ nicht mehr bekommen. Sie könnten dann wieder neue Kinder aufnehmen.

Dies wäre nur möglich, wenn die Bindungen des Kindes zu seinen sozialen Eltern verraten würden und eine neue Traumatisierung zugelassen würde.
Nicht selten bekommt man, wenn man auf diesen Umstand hinweist, zur Antwort, dass das Pflegekind ja in jedem Fall etwas Positives aus der Pflegefamilie mitnimmt.
Ein erneuter Bindungsabbruch bedeutet aber für das Kind ein Wiederholungstrauma und verstärkt das Ursprungstrauma des Kindes. Dies führt zu neuen Schäden beim Kind.

Diese von Außen vorgenommenen Eingriffe belasten die Pflegeltern und stören die Bindungs- und Erziehungsarbeit, das heißt, das therapeutische Milieu der Pflegefamilie. Es fehlt oft jede Behutsamkeit, weil in den Jugendämtern das Verständnis über die Art und Weise wie erfolgreiche Pflegefamilien funktionieren fehlt. Die Verlagerung der Aufgaben von dem Pflegekinderdienst zu dem Allgemein Sozialpädagogischen Dienst (ASD) hat hier bereits teilweise zu schwierigen Ergebnissen geführt. Die Freien Träger, die an die Stelle der Pflegekinderdienste des Jugendamtes getreten sind, verfügen über keine wirksamen Rechte. Nicht selten werden ihre Bedenken ignoriert.

Bruno Bettelheim hat mit seinem Freund Ernst Federn den Weg zur psychoanalytischen Pädagogik bereitet und ist einer der Pioniere der modernen Heilpädagogik.
Die Schaffung eines therapeutischen Milieus ist somit der Rahmen geworden, in dem Bindungen (Karl Heinz Brisch, Bindungstheorie) entstehen können, was schließlich auch missbrauchten, vernachlässigten und sexuell missbrauchten Kindern einen Weg aus ihrem inneren Labyrinth in die Gesellschaft eröffnen kann.

1. Der AktivVerbund Berlin hat sich zur Aufgabe gemacht, besondere Fortbildungsangebote auch für die Mitarbeiter der Jugendämter anzubieten, damit auch sie die Bedürfnisse der Pflegekinder kennen lernen können.
2. Die Pflegeeltern sollen von den Erfahrungen anderer Pflegeeltern profitieren lernen, ihre Arbeit soll in dem Verein und durch den Verein angemessen gewürdigt werden. In diesem Sinne sollen Gesprächsgruppen der Mitglieder des Vereins einen geschützten Raum für Pflegeeltern bieten.
Die Verwaltung kann von Pflegeeltern lernen, da Pflegeeltern regelmäßig die „Fachleute“ in Sachen Pflegekinder sind und dem Wohl des Pflegekindes auf das heilenste verbunden sind, da sie heilende Bindungen zu dem Kind aufbauen und sichern.

Die gesetzlichen Vorgaben sind einzuhalten, damit steht das Kindeswohl im Vordergrund.

Alle Jugendamtsmitarbeiter sind eingeladen, mit den Pflegeeltern in diesem Sinne zum gelebten Kindeswohl zusammenzuarbeiten.